Strasbourg Deux—Rives
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Les arbres arrivent au bassin Vauban

Transport per Binnenschiff: Bäume schippern über den Rhein

Von der Rheinmündung bis nach Straßburg: Die Reise zum Quartier Citadelle war keine gewöhnliche, denn die 115 neu zu pflanzenden Bäume wurden auf einem Schiff transportiert. Sie gab auch Anlass, bei Lieferketten und Lieferwegen im Rahmen des städtebaulichen Projekts verstärkt auf nachhaltige Lösungen zu setzen.

Purpurerle, Silberpappel, Zerreiche, Trauerweide und Vogelkirsche sind nur einige der 115 Bäume, die von der niederländischen Baumschule Ebben nach Straßburg verschifft wurden, um dort im Süden des Stadtviertels Citadelle eingepflanzt zu werden. Wir haben sie auf den verschiedenen Etappen ihrer außergewöhnlichen Reise begleitet und dabei auch grundlegende Überlegungen zu den Lieferwegen angestellt.

Eine außergewöhnliche Lieferung auf dem Wasserwege

Es kommt nur selten vor, dass neu zu pflanzende Bäume mit dem Schiff angeliefert werden. Allem voran gingen generelle Überlegungen zu den Lieferwegen im Rahmen des städtebaulichen Projekts, die in einer zusätzlichen Ausschreibungsklausel resultierten. Die bei öffentlichen Ausschreibungen zur Verfügung stehenden Freiheiten ermöglichten es so, die teilnehmenden Unternehmen dazu zu ermutigen, aus Umweltschutzgründen auf den Verkehrsträger Binnenschiff zu setzen. So sollten der CO2-Ausstoß beim Transport verringert, die Luftqualität verbessert und die Straßen entlastet werden. Den Zuschlag gab die SPL Deux-Rives dem auf Ingenieurwesen und Landschaftsbau spezialisierten Unternehmen Thierry Muller (nur auf Französisch). Ihr Angebot sah eine geeignete Lösung für den Transport der Bäume vor: Sie sollten im Laderaum eines Lastkahns transportiert werden, was den Umschlagaufwand auf ein Minimum reduzierte. Die Firma hatte bereits im Rahmen des Projekts Valozac (YouTube Video zur Erklärung mit deutschen Untertiteln) wertvolle Erfahrungen gesammelt. Damals waren ebenfalls Lastkähne eingesetzt worden, um belastetes Aushubmaterial zwischen den unterschiedlichen Bodenaufbereitungsanlagen an den Ufern des Bassin Vauban zu transportieren. In nur drei Jahren können damit 8000 Lkw-Fahrten vermieden werden.

Im Herbst 2019 wählte die SPL Deux-Rives in der Baumschule die Baumsorten aus, die ab März 2020 eingepflanzt werden sollten. Doch zuvor mussten alle 115 Bäume eine Gesamtstrecke von 590 Kilometern zurücklegen: Den Hafen von Cuijk in den Niederladen verließen sie am Donnerstag, den 12. März. Über die Maaß, den Maaß-Waalkanal und die Waal, einem Rheinarm, schipperten sie schließlich flussaufwärts über den Rhein zum Bassin Vauban, wo sie bereits am Montag, den 16. März, ankamen. Durch die guten Schifffahrtsbedingungen und einen ausreichend niedrigen Rheinpegel dauerte die Lieferung anstatt der eigentlich eingeplanten sechs gar nur fünf Tage. Zwar ist die Binnenschifffahrt abhängig von Wasserständen und damit zusammenhängenden Faktoren; nichtsdestotrotz sind Binnenschiffe ein überzeugend effizientes und umweltfreundliches Transportmittel.

Der CO²-Bilanz-Rechner von Voies Navigables de France (nur auf Französisch) zeigt für die fünftägige Reise 330 kg CO²-Äquivalente und 140 Liter Kraftstoff weniger im Vergleich zum Transport auf der Straße an.

Schutz der Bäume auf dem Transportweg

Bäume müssen im Gegensatz zu „toter“ Handelsware über die gesamte Transportdauer hinweg besonders geschützt werden, damit sie nicht austrocknen oder gar irreparabel beschädigt werden.  Es muss also besonders darauf geachtet werden, die Anzahl der Umschlagvorgänge möglichst gering zu halten, da hierbei stets die Gefahr besteht, dass Äste abbrechen oder weggerissen werden. In unserem Fall legten die Bäume die ersten 2,5 Kilometer von der Baumschule bis zum Hafen von Cuijk auf einem Traktor zurück. Im Anschluss wurden sie, sicher mit einem Drahtkorb balliert und vor dem Austrocknen geschützt, im Laderaum eines Lastkahns zwischengelagert. So konnte die Anzahl der Lade- und Entladevorgänge auf ein Minimum reduziert werden.

Die Entscheidung für den Transport per Binnenschiff brachte gleich mehrere Vorteile mit sich: Zunächst konnten so Zwischenlagerungen vermieden werden, die vor der Verladung auf Lkws unweigerlich notwendig gewesen wären. Außerdem hatten die Bäume im großzügigen Laderaum des Schiffs mehr Platz, was das Risiko einer Beschädigung von Ästen oder Borke durch enges Stapeln verringerte. Schließlich waren sie dort vor dem typischen Fahrtwind auf einem Lkw geschützt, der den Wurzelballen schneller austrocknen lässt. Doch war im Gegenzug das fehlende Sonnenlicht nicht problematisch? Die Bäume wurden während der Vegetationsruhe von November bis März transportiert, so dass die Lagerung im dunklen Frachtraum keinerlei negative Konsequenzen nach sich zog.

Das Einpflanzen am Zielort

Die Gartenbaufirma Thierry Muller kümmerte sich um die Entladung. Bis zur Einpflanzung wurden die Bäume in einen Pflanzgraben gesetzt (eingeschlagen). Ihr Ballen wurde dabei mit Sand bedeckt, um sie vor einem Austrocknen an der Luft zu schützen. Durch regelmäßiges Gießen konnten so mehrere Wochen bis zur Einpflanzung überbrückt werden.

Beim Pflanzen neuer Bäume ist noch ein weiterer Faktor entscheidend: Der richtige Zeitpunkt. In der Eurometropole wie auch anderswo werden Bäume üblicherweise zwischen Mitte Oktober und Mitte März, spätestens aber bis Mitte April, eingepflanzt. In dieser Zeit befinden sich die Bäume in der Vegetationsruhe, während derer kein Wachstum stattfindet. Mit Beginn des Frühjahrs kommen die Saftströme wieder in Gang und der Austrieb startet. Die Ströme versorgen die unterschiedlichen Organe des Baumes und sind für den Nährstofftransport aus dem Boden zuständig. Es wird allgemein empfohlen, Bäume vor Beginn des Austriebs zu pflanzen. Ist ein Baum noch nicht in der Erde, wenn die Saftströme in Gang kommen, kann er keine Nährstoffe aus der Erde ziehen und geht womöglich zugrunde.

Wie geht es weiter?

Die Pandemielage führte zunächst zum Stillstand des Projekts, um die Gesundheit aller Beteiligten zu schützen. Das Einschlagen machte eine Zwischenlagerung der Bäume über vier bis acht Wochen problemlos möglich. Um diese Frist einzuhalten, pflanzte das Team der Firma Thierry Muller unter Einhaltung sämtlicher Vorsichtsmaßnahmen die Bäume schrittweise im südlichen Teil des Stadtteils Citadelle ein. Die letzten Bäume wurden Ende März 2020 gepflanzt.


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